B-Achse bei einer 5-Achs-CNC-Maschine
Die B-Achse einer CNC-Maschine ist eine rotatorische Achse, mit der die Spindel oder das Werkstück um die lineare Y-Achse geschwenkt wird. Sie ermöglicht es, Werkzeug und Werkstück in unterschiedlichen Winkeln zueinander auszurichten und komplexe Bauteile von mehreren Seiten zu bearbeiten.
Eine 5-Achs-CNC-Maschine verfügt neben den drei linearen Achsen X, Y und Z über zwei zusätzliche Rotationsachsen. Abhängig von der Maschinenbauart kann die B-Achse im Fräskopf, im Maschinentisch oder in einer schwenkbaren Werkstückaufnahme ausgeführt sein.
Welche Bewegung führt die B-Achse aus?
Nach der üblichen Achsdefinition beschreibt die B-Achse eine Drehbewegung um die Y-Achse:
| Achse | Bewegungsart |
|---|---|
| X-Achse | Lineare Bewegung |
| Y-Achse | Lineare Bewegung |
| Z-Achse | Lineare Bewegung |
| A-Achse | Rotation um die X-Achse |
| B-Achse | Rotation um die Y-Achse |
| C-Achse | Rotation um die Z-Achse |
Bei einem schwenkbaren Fräskopf bewegt die B-Achse die Spindel nach links oder rechts. Dadurch kann das Werkzeug seitlich geneigte Flächen, schräge Bohrungen und räumliche Konturen erreichen.
Welche Rotationsachsen tatsächlich eingesetzt werden, hängt von der Konstruktion der jeweiligen 5-Achs-Maschine ab. Häufig werden die Kombinationen A/C oder B/C verwendet.
Der Drehmittelpunkt der B-Achse
Der Drehmittelpunkt ist der zentrale Punkt, um den die Spindel geschwenkt wird. Bei einem korrekt aufgebauten B-Achsen-Fräskopf verläuft die Spindelmittelachse durch diesen kinematischen Drehpunkt.
Wird die Spindel nach links oder rechts geschwenkt, schneiden sich ihre verlängerten Mittelachsen in den unterschiedlichen Winkelstellungen immer im gleichen Drehmittelpunkt. Die Spindel dreht sich somit nicht beliebig im Raum, sondern führt eine eindeutig definierte Schwenkbewegung aus.
Die Werkzeugspitze befindet sich normalerweise unterhalb dieses Drehpunktes. Deshalb bewegt sie sich beim Schwenken auf einer Kreisbahn. Ohne eine rechnerische Korrektur würde sich dadurch ihre Position gegenüber dem Werkstück verändern.
Werkzeugspitzenkorrektur durch TCP
Moderne 5-Achs-CNC-Steuerungen können die Positionsänderung der Werkzeugspitze automatisch ausgleichen. Diese Funktion wird häufig als Tool Center Point, kurz TCP, bezeichnet. Abhängig vom Steuerungshersteller sind auch Bezeichnungen wie TCPM, RTCP oder Werkzeugspitzenführung gebräuchlich.
Während die B-Achse geschwenkt wird, führt die Steuerung gleichzeitig Ausgleichsbewegungen über die linearen Maschinenachsen aus. Dadurch bleibt die Werkzeugspitze auf der programmierten Bahn.
Für eine präzise TCP-Korrektur benötigt die Steuerung unter anderem:
- den genauen Drehmittelpunkt der B-Achse,
- die Werkzeuglänge,
- die Position der Werkzeugspitze,
- die Maschinenkinematik,
- die aktuellen Achswinkel,
- korrekt vermessene Werkstücknullpunkte.
Bereits kleine Abweichungen bei diesen Werten können Maßfehler an komplexen Bauteilen verursachen.
B-Achse im Fräskopf oder Maschinentisch
Die B-Achse kann unterschiedlich aufgebaut sein.
Schwenkbarer Fräskopf
Bei dieser Bauform wird die komplette Motorspindel nach links oder rechts geschwenkt. Das Werkstück bleibt auf einem festen oder zusätzlich drehbaren Tisch gespannt.
Diese Ausführung eignet sich besonders für große oder schwere Werkstücke, die während der Bearbeitung möglichst wenig bewegt werden sollen.
Schwenkbarer Maschinentisch
Bei einer Tischlösung bleibt die Spindel in einer festen Position. Stattdessen wird das Werkstück um die B-Achse geschwenkt.
Diese Konstruktion ist bei kompakten 5-Achs-Bearbeitungszentren verbreitet. Sie bietet eine hohe Steifigkeit, kann aber durch die Größe und das Gewicht des Werkstückes begrenzt werden.
Kombinierte Maschinenkinematik
Viele Maschinen verbinden eine schwenkbare B-Achse mit einem um die Z-Achse drehbaren C-Achsen-Tisch. Dadurch kann das Werkzeug nahezu jede zugängliche Seite des Werkstückes erreichen.
3+2-Bearbeitung und simultane 5-Achs-Bearbeitung
Bei der 3+2-Bearbeitung wird die B-Achse zunächst auf einen bestimmten Winkel eingestellt. Anschließend bleibt sie während der eigentlichen Bearbeitung stehen. Das Fräsen erfolgt über die drei linearen Achsen.
Bei der simultanen 5-Achs-Bearbeitung bewegt sich die B-Achse während des Fräsvorganges gemeinsam mit weiteren Achsen. Dadurch lassen sich komplexe Freiformflächen und räumliche Konturen kontinuierlich bearbeiten.
Die simultane Bearbeitung stellt höhere Anforderungen an:
- CNC-Steuerung,
- CAM-Programmierung,
- Maschinenkinematik,
- Kollisionskontrolle,
- Werkzeugvermessung,
- dynamische Achsregelung.
Typische Anwendungen
Die B-Achse einer 5-Achs-CNC-Maschine wird unter anderem eingesetzt für:
- schräge Bohrungen,
- geneigte Flächen,
- komplexe Taschen und Konturen,
- Formen- und Werkzeugbau,
- Turbinenschaufeln und Impeller,
- Bauteile aus der Luft- und Raumfahrt,
- medizinische Komponenten,
- Mehrseitenbearbeitung,
- schwer zugängliche Bearbeitungsstellen,
- komplexe Einzelteile und Kleinserien.
Viele Bauteile können dadurch in einer einzigen Aufspannung vollständig bearbeitet werden.
Vorteile der B-Achse
Die zusätzliche Schwenkbewegung bietet mehrere Vorteile:
- Bearbeitung von bis zu fünf Werkstückseiten,
- weniger Umspannvorgänge,
- kürzere Fertigungszeiten,
- höhere Wiederholgenauigkeit,
- bessere Oberflächen bei Freiformkonturen,
- kürzere und stabilere Werkzeuge möglich,
- bessere Zugänglichkeit schwieriger Bearbeitungsbereiche,
- geringeres Risiko von Aufspannfehlern.
Insbesondere die reduzierte Anzahl notwendiger Aufspannungen verbessert die Maß- und Lagegenauigkeit komplexer Bauteile.
Genauigkeit und Kalibrierung
Die Genauigkeit der B-Achse hängt nicht nur von der mechanischen Qualität der Lagerung und des Antriebes ab. Auch der in der CNC-Steuerung hinterlegte Drehmittelpunkt muss regelmäßig geprüft werden.
Temperaturänderungen, Verschleiß, Maschinenkollisionen oder mechanische Belastungen können die Kinematik beeinflussen. Bei hohen Genauigkeitsanforderungen sollte deshalb eine regelmäßige Kalibrierung durchgeführt werden.
Wichtige Prüfpunkte sind:
- Lage des B-Achsen-Drehpunktes,
- Rechtwinkligkeit der Maschinenachsen,
- Rundlauf der Spindel,
- Positionier- und Wiederholgenauigkeit,
- Werkzeuglängenmessung,
- korrekte TCP-Kompensation.
Kollisionsgefahr beim Schwenken
Durch die Bewegung der Spindel verändern sich die Abstände zwischen Werkzeug, Werkstück, Spannmitteln und Maschinenteilen. Besonders lange Werkzeuge oder große Werkstücke können den verfügbaren Schwenkbereich einschränken.
Eine Kollisionssimulation im CAM-System ist deshalb bei komplexen 5-Achs-Programmen besonders wichtig. Zusätzlich sollten Sicherheitsabstände und zulässige Achsgrenzen in der Maschinensteuerung korrekt hinterlegt sein.
Zusammenfassung
Die B-Achse einer 5-Achs-CNC-Maschine ermöglicht das kontrollierte Schwenken der Spindel oder des Werkstückes um die Y-Achse. Ihr zentraler Drehpunkt liegt bei einem Schwenkkopf auf der Spindelmittelachse. Beim Schwenken bewegt sich die Werkzeugspitze auf einer Kreisbahn, deren Positionsänderung durch die TCP-Funktion der CNC-Steuerung ausgeglichen werden kann.
Durch die B-Achse lassen sich komplexe Bauteile mit weniger Aufspannungen, besserer Zugänglichkeit und hoher Bearbeitungsgenauigkeit herstellen.
